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#Alumni-Interview: Zweimal deutsch-französisches Doppelstudium und Jobeinstieg als Rechtsberater auf der anderen Rheinseite

Verfasst am 16.06.2021

Benjamin Gaudrie, Absolvent des juristischen Studiengangs Mainz-Dijon, erzählt von seiner deutsch-französischen Geschichte: Von den Anfängen im Doppelbachelor Bayreuth-Bordeaux, über den Master Mainz-Dijon, bis hin zum Berufseinstieg als Rechtsberater im Bereich Rückversicherung in Wiesbaden.

Bild: Benjamin Gaudrie/privat

Doppelte Staatsbürgerschaft, ein Leben zwischen zwei Ländern und zweimal Doppelstudium

Wie kam es dazu?

Als Deutsch-Franzose, der vor seiner Studienzeit in Frankreich lebte, fühlt sich Benjamin schon immer zu Deutschland hingezogen. Weil er Rechtwissenschaft studieren möchte, entscheidet er sich schon früh für den deutsch-französischen Doppelbachelor zwischen den Universitäten Bayreuth und Bordeaux. Vor allem das Uni-Leben in der dynamischen bayerischen Stadt und die währenddessen entstandenen Freundschaften habe er noch in guter Erinnerung. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Paris für ein Aufbaustudium wechselt zu seinem zweiten deutsch-französischen Doppelstudium – und hier kommt die Kooperation zwischen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und der Université de Bourgogne ins Spiel. Die Möglichkeit zu haben, innerhalb eines Studiengangs in zwei Ländern zu studieren, sei für ihn die größte Bereicherung seiner Studienzeit gewesen, so Benjamin. Sein Fazit nach knapp sechs Jahren in fünf verschiedenen deutschen und französischen Städten: „Es kommt gar nicht so sehr auf den Standort an sich an, sondern vor allem auf die interkulturelle Erfahrung!“.

Die Mainzer Zeit im Master lief nicht ohne Überraschungen …

Als Benjamin mit seinen Kommiliton*innen aus Dijon im Oktober 2019 das letzte Studienjahr im Master „Internationales Privatrecht und Europäisches Einheitsrecht (IPR)“ an der JGU beginnt, hat er einen klaren Plan: Er nimmt sich vor, im Wintersemester so viele Kurse wie möglich zu belegen, um im Sommer mehr Zeit für Events und Ausflüge in Mainz und Umgebung zu haben. Doch dann kommt die globale Pandemie, die seine Pläne auf den Kopf stellen. Trotz allem zieht er eine positive Bilanz aus seiner Zeit in Mainz: „Ich habe Mainz vor dem Lockdown als eine lebhafte Stadt mit guter Stimmung erleben dürfen, ich konnte auch ein wenig reisen und Fastnacht feiern.“ So bleibt er trotz aller Schwierigkeiten im Sommersemester „im Schatten des Doms“, um das Master- und Doppelstudium abzuschließen und begibt sich von Mainz aus schließlich auf die Suche nach einem Praktikum in Deutschland.

Eine Praktikumssuche mit unterwarteten Entwicklungen

Ein Pflichtpraktikum in Deutschland, das zum Berufseinstieg wurde. Wie kam es dazu?

Für die Studierenden aus Dijon im Master IPR ist es Pflicht, ein neunwöchiges Praktikum in Deutschland zu absolvieren. Auf der Suche nach einem Praktikumsplatz wird Benjamin Mitglied der Deutsch-Französischen Juristenvereinigung e.V. (DFJ), die direkt im ReWi-Gebäude der JGU angesiedelt ist. So kann er auf das Mitgliederverzeichnis der Vereinigung zugreifen und sendet einige Bewerbungen an die Rechtsabteilungen verschiedener Unternehmen. Schließlich wird er auf ein interessantes Stellenangebot bei der „R+V Re (Rückversicherung)“ aufmerksam, welches ihm die Tür zum Berufseinstieg öffnet.  Im Bereich „Legal and Claims“ kann er zunächst sein Pflichtpraktikum absolvieren und im Anschluss direkt eine Position als Rechtsberater übernehmen. Dort ist Benjamin nun hauptsächlich in französischsprachigen Märkten tätig und sehr zufrieden.

Tipps für die Praktikums- und Arbeitssuche in Deutschland und Frankreich?

Benjamin betont, dass für die Praktikumssuche in Deutschland die Mitgliedschaft bei der DFJ sehr hilfreich gewesen sei. Für Studierende und Alumni, die in Frankreich leben und arbeiten möchten, verweist er hingegen auf die französische Partnerorganisation Association des Juristes Français et Allemands (AJFA), auch wenn deren Netzwerk im Vergleich zu seinem deutschen Pendant etwas kleiner sei. Für Studierende aus Frankreich, die ihre berufliche Zukunft in Deutschland sehen, hat Benjamin einen weiteren Tipp: Da es nicht unbedingt einfach sei, als französischer Jurist eine Einstellung in einer deutschen Anwaltskanzlei zu finden, sei es zu empfehlen, gegebenenfalls die Aufnahmeprüfung einer Anwaltsschule (CRFPA) zu absolvieren. Nicht zuletzt helfe es auch allgemein, wenn man bei der Suche nach einem Praktikumsplatz oder einer Einstiegsposition für verschiedene Schwerpunkte offen bleibe. Dass er am Ende sein Arbeitsglück im Bereich der Rückversicherung finden würde, habe er im Voraus ebenfalls nicht geplant.

Fit für den Einstieg in eine internationale Beschäftigung

Tätigkeit bei einer deutschen Firma, als Zuständiger für den französischen Markt. Inwieweit kommt einem dabei das deutsch-französische Studium zugute?

Obwohl Benjamin bei seiner Beschäftigung in der Rückversicherung die im Studium erworbenen Kenntnisse im Bereich internationales Privatrecht (IPR) nicht direkt anwendet, hilft ihm dieses Wissen letztendlich bei verschiedenen Thematiken, die das Verständnis vom IPR-Gedanken voraussetzen (z.B. beim Thema „arbitration“). Es gibt nach Ansicht des Absolventen aber auch eine Fertigkeit, die er sich im Doppelstudium aneignen konnte und ihm nun zugutekommt: Die vergleichende Natur des Doppelstudiums zusammen mit dem Angebot an rechtsvergleichenden Veranstaltungen fördern das offene Denken. So lernt man früh, dass juristische Kategorien sich in den verschiedenen Systemen unterscheiden können. Eine Fähigkeit, für Benjamins aktuelle Tätigkeit als Rechtsberater in verschiedenen internationalen Märkten von großem Vorteil ist.

Ist die Mehrsprachigkeit ein weiterer Vorteil?

Als deutsch-französischer Muttersprachler, der nun im internationalen Bereich arbeitet, weiß Benjamin die Tatsache, dass er während des Studiums gleich drei Sprachen anwenden konnte, sehr zu schätzen: „Der Bereich der Rückversicherung ist eine sehr internationale Welt und neben der französischen Sprache ist aus so einem internationalen Kontext vor allem Englisch nicht wegzudenken“, meint der er. Dass zum Studienprogramm nicht nur Kurse zum deutschen und französischen Recht, sondern auch englischsprachige Veranstaltungen in Dijon und Mainz gehören, hält er somit für besonders gewinnbringend für seine Karriere. Viele seiner Kolleg*innen bei der R+V seien zudem ausländischer Herkunft, sodass er im Arbeitsalltag nicht nur regelmäßig mit Verträgen auf Englisch und Französische konfrontiert werde, sondern seine Sprachkenntnisse auch in der täglichen Geschäftskommunikation nutzen könne.

Momentan sieht Benjamin seine Zukunft in Deutschland. Als letzte Frage des Interviews soll verraten, was er aus seiner Heimat Frankreich am meisten vermisst. Ganz einfach: „Das Essen“, sagt er schmunzelnd.

Wir wünschen Benjamin alles Gute für seinen internationalen Werdegang! 

Interview: Laura Lombardi